Arten von Zwangsstörungen
So individuell wie die Betroffenen selbst
Reinigungs- und Waschzwänge
Diese Zwangshandlungen beziehen sich zumeist auf die eigene Person oder die eigene Umgebung. Sie sind durch eine panische Angst vor Schmutz gekennzeichnet, der als Bedrohung empfunden wird – wobei die Auslöser dieser Zwangsstörung häufig einen konkreten Hintergrund haben:
- Straßendreck, Vermüllung, Verunreinigung durch Fäkalien
- Viren, Bakterien bzw. ansteckende Krankheiten im Allgemeinen
- die „abstrakte Verschmutzung“: „Jemand, den ich nicht mag, hat mich angefasst.“
Der Zwang zur Reinigung oder Desinfizierung kann sich sogar schon durch die gedankliche Vorstellung ergeben. Dabei übersehen die Betroffenen leicht, dass eine zu häufige Reinigung des Körpers eine gesundheitliche Gefahr darstellt: Der Säureschutzmantel der Haut wird überstrapaziert, kleinere Hautverletzungen (durch zu heftiges Bürsten) werden erst recht zu Eintrittspforten für Viren oder Bakterien. So wird das Gegenteil des eigentlichen Ziels erreicht, was den Waschzwang wiederum verstärken kann.
Patienten, die an Waschzwang leiden, versuchen oft, auch ihre Wohnung pedantisch rein zu halten, und wechseln auch mehrmals am Tag ihre Kleidung, um sich vor den vermeintlichen Gefahren äußerer Einflüsse zu schützen. So wird ein normales, entspanntes Verhältnis zu ihrer Umgebung unmöglich. Die Betroffenen meiden öffentliche Orte, reduzieren ihre persönlichen Kontakte auf das unbedingt nötige Maß und dulden Besucher in der eigenen Wohnung nur dann, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt. Ihr Verhalten führt zwangsläufig zu einem schleichenden sozialen Rückzug, die Betroffenen bleiben mit ihrer Zwangshandlung allein.
Kontrollzwänge
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Dieses Zitat wird dem russischen Revolutionsführer Lenin zugeschrieben, auch wenn er es so nie gesagt hat. Doch genau dieser Satz ist das Credo von Patienten mit Kontrollzwängen: Sie vertrauen weder dem eigenen Erleben noch dem eigenen Wissen und können sich auch auf ihre eigenen Erfahrungen nicht verlassen. Deshalb müssen sie sich immer wieder vergewissern, ob sie ihre Haus- oder Wohnungstür wirklich abgeschlossen und die Fenster tatsächlich verriegelt haben. Oder sie befürchten, dass in ihrer Abwesenheit ein Wohnungsbrand ausbrechen könnte, weil sie den Herd oder das Bügeleisen nicht ausgeschaltet haben.
Dann werden auch schon mal Angehörige, Freunde oder Nachbarn gebeten, doch „mal eben schnell“ nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. Wer mag da schon „Nein“ sagen? Doch diese im Grunde freundliche Hilfe bietet einem Menschen, der unter Kontrollzwang leidet, die Möglichkeit, die eigene Verantwortung abzugeben und im Zweifelsfall „schuldhaftes Verhalten“ delegieren zu können.
"Ich habe alle elektrischen Geräte immer wieder kontrolliert. Je mehr ich sie kontrollierte, desto unsicherer wurde ich; unterdrückte ich aber die Kontrollen, wurde ich noch unsicherer. Irgendwann wollte ich einfach rausfinden, was mit mir los war."
Andrea W.
29 Jahre, Patientin in der Oberberg Fachklinik Schwarzwald, über ihre Kontrollzwänge
Wiederholungs- und Zählzwang
Der Wiederholungs- und der Zählzwang liegen häufig dicht beieinander. Eine Tätigkeit muss dabei in einer bestimmten Anzahl wiederholt werden, damit sich die Betroffenen gut fühlen können: So müssen Betroffene beispielsweise das Licht exakt drei Mal an- und wieder ausschalten, bevor sie einen Raum verlassen.
"Ich esse immer nur zwei Gummibärchen, benutze stets zwei Blatt Toilettenpapier, nasche in den Pausen zwei Müsliriegel … Die Zahl Zwei bestimmt mein Leben – denn wenn ich nur eins von einer Sache nehme, fühle ich mich sofort unwohl."
Viktoria K.
26 Jahre, während ihres Patientengesprächs in der Oberberg Fachklinik Schwarzwald
Menschen, die an einem Zählzwang leiden, stellen die Regeln über die Anzahl von Wiederholungen oder die Bedeutung von Zahlen selbst auf, wobei es keine typischen oder nachvollziehbaren Kriterien gibt. In anderen Fällen werden immer wieder Bücher im Regal, Fliesen in der Küche oder Pflastersteine auf dem Bürgersteig gezählt. Die Patienten können bisweilen nicht einmal begründen, warum sie sich so verhalten, doch sie spüren, dass ihnen der Zählvorgang Sicherheit gibt oder ein unangenehmes Gefühl von „Unvollständigkeit“ neutralisiert. Häufig sorgen ungerade Zahlen für körperliches Unbehagen, wobei „ungerade“ für „ungeordnet“ stehen kann.
Hinter einem Wiederholung- oder Zählzwang verbirgt sich nicht selten ein „magisches Denken“, verbunden mit der Furcht, dass bei Nichteinhaltung der eigenen Regeln nahestehenden Menschen etwas Schlimmes passieren könnte.
Ordnungszwänge
„Ordnung ist das halbe Leben“, sagt der Volksmund. Bei manchen Menschen bestimmt die Ordnung jedoch das ganze Leben. Bücher müssen der Größe nach sortiert im Regal stehen, Kleidung muss in einer bestimmten Reihenfolge im Schrank hängen und das Vorratsregal ist alphabetisch sortiert – erst dann können sich Betroffene einer anderen Tätigkeit widmen.
Selber aufgestellte, für Außenstehende nicht nachvollziehbare Ordnungskriterien sollen diesen Menschen helfen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Zumeist kommt zu dieser exakten Ordnung auch die exakte Symmetrie hinzu. Allerdings würde dieses Verhalten allein noch keine Störungsdiagnose rechtfertigen – sondern nur dann, wenn der Ordnungszwang so exzessiv wird, dass andere wichtige Lebensbereiche immer stärker vernachlässigt werden.
"Wenn Konservendosen oder Flaschen nicht mit dem Etikett nach vorne ausgerichtet sind oder wenn Stifte nicht nebeneinander mit der Spitze nach vorne liegen, fühle ich mich unwohl. Alles muss exakt sein."
Thomas P.
55 Jahre, in einer Gruppentherapie-Sitzung, Oberberg Fachklinik Schwarzwald
Unordnung oder fehlende Symmetrie bedeuten für diese Menschen Chaos, Bedrohung, Gefahr. Sie erzeugen Unruhe und Ängste, dass die Unruhe oder das Chaos sie überwältigen könnte. Deshalb müssen sie sofort wieder Ordnung herstellen. Und obwohl sich die Betroffenen oft darüber bewusst sind, dass ihr Verhalten übertrieben oder unangemessen ist, finden sie keinen Ausweg. In anderen Fällen, in denen der Ordnungsdrang einer zwanghaften Persönlichkeitsstruktur entspringt, wird ihr Verhalten von den Betroffenen als völlig normal, angemessen und sogar vorbildlich erachtet.
Langsamkeits- oder Genauigkeitszwang
"Ich putze meine Zähne morgens und abends jeweils 80 Minuten. Jeweils 10 Minuten links oben außen, dann links oben innen und das Gleiche auf der rechten Seite. Dann putze ich links unten und rechts unten, jeweils außen und innen, und zwar immer in dieser Reihenfolge."
Christoph G.
28 Jahre, Oberberg Somnia Fachklinik Köln Hürth, über seinen Genauigkeitszwang
Alle Ausprägungen dieser Zwangshandlungen nehmen durch die besonders gründliche Ausübung der Rituale viel Zeit in Anspruch. Die Langsamkeit selbst ist dabei das Symptom, Genauigkeitsaspekte werden mit Aspekten der Gleichbehandlung verbunden: Jeder Zahn, wie im Zitat, oder auch jedes Haar wird auf dieselbe Art geputzt oder gepflegt. Werden die Betroffenen dabei gestört, müssen sie häufig noch einmal ganz von vorne beginnen.
Pathologisches Horten (Sammelzwänge)
Im Grunde ist der Mensch ein Jäger und Sammler, wobei das Sammeln sich auf Nahrung bezieht, die sofort oder später gegessen wird. Doch auch der moderne Mensch ist ein Sammler: Er sammelt Briefmarken, Münzen, Modellautos, Polizeimützen oder alte Möbelstücke. Solange das als Hobby betrachtet wird und die Anzahl der Sammlerstücke nicht übertrieben hoch wird, ist es ungefährlich. Kann man sich aber von Gegenständen nicht trennen, auch wenn sie nicht zum Hobby gehören, besteht die Gefahr einer krankhaften Störung, des Sammelzwangs (pathologisches Horten).
Pathologisches Horten ist durch die Schwierigkeiten charakterisiert, sich von eigenem Hab und Gut zu trennen oder Dinge, unabhängig von ihrem materiellen Wert, wegzuwerfen. Dies ist Ausdruck eines ausgeprägten Bedürfnisses von Betroffenen, Dinge aufzuheben, verbunden mit erheblichem Leiden beim Wegwerfen. Pathologisches Horten unterscheidet sich von normalem Sammeln dadurch, dass große Mengen an Dingen angesammelt werden und der eigene Wohnbereich so weit überfüllt oder eingeschränkt wird, dass er nicht mehr genutzt werden kann.
Im Extremfall kann es zu jenen Ausprägungen kommen, die man heute laienhaft mit „Messie-Syndrom“ bezeichnet: Betroffene sammeln einfach alles, ganz unabhängig von realen oder ideellen Werten, und schaffen es nicht, sich auch nur von einem einzigen Teil zu trennen. Die Türen lassen sich dann kaum öffnen, weil überall Tüten, Kartons oder Stapel im Weg sind; manche bewegen sich in ihren Wohnungen sogar wie in einem Labyrinth. Für ihre Angehörigen ist das Messie-Syndrom besonders belastend: Sie möchten gerne helfen, doch sie kommen an den Betroffenen nicht mehr heran. Trotzdem ist gerade hier Aufmerksamkeit nötig, weil die Symptome eines Sammelzwangs äußerlich nicht immer zu erkennen sind.
Der Begriff des „Messie-Syndroms“ ist jedoch umstritten und sollte vermieden werden, da es a) keine wissenschaftlich präzise Beschreibung gibt (keine Diagnose), b) unterschiedliche Erkrankungen zu einem „Syndrom des Durcheinanders und der Unordnung“ führen können (unter anderem Depressionen, Manien und Demenzerkrankungen), und c) dieser Begriff bereits eine Bewertung und Abwertung mit sich bringt, was der dringend notwendigen Entstigmatisierung und Akzeptanzerhöhung psychischer Störungen in der Gesellschaft entgegenwirkt.
Zwangsgedanken ohne erkennbare Zwangshandlungen
"Ich habe panische Angst davor, im Supermarkt oder auf der Straße jemanden zu schubsen oder zu treten, ohne dass ich das merken würde. Natürlich ist diese Angst völlig unbegründet, aber sie überkommt mich einfach in dem Moment, in dem ich meine Wohnung verlasse, und lässt mich verzweifeln."
Patrizia B.
48 Jahre, im Patientengespräch in der Oberberg Parkklinik Wiesbaden Schlangenbad
Zwangsgedanken sind häufig wiederkehrende und aufdringliche Gedanken, die häufig in der Form „Was wäre, wenn …“ daherkommen. Sie sind nicht selten thematisch mit eigenen Versagenssituationen verbunden.
Zwangsgedanken haben häufig folgende thematischen Ausgestaltungen:
- hilflos und aggressiv (Vorstellung von Gewaltanwendung)
- sexuell (bis zu Vergewaltigungsfantasien, aber auch Homophobie)
- religiös konnotiert (z. B. Gottesleugnung, Selbstbezichtigungen, „Sünde“)
Da diese Gedanken zumeist nicht mit sichtbaren, sondern nur mit mentalen (geistigen oder auch kognitiven) Zwangshandlungen oder Ritualen verbunden sind und auch durch Rituale nur geringfügig abgemildert werden können, sind sie für die Betroffenen besonders quälend und wirken sich extrem störend auf ihre Lebensqualität aus.
Die Angst äußert sich dabei nicht nur durch die Gedanken, sondern wird selbst zur Angst, das Gedachte irgendwann – und wenn, dann unkontrolliert – in die Tat umsetzen zu können. Diese Angst, die im Übrigen auch Angehörige als Co-Erkrankung betreffen kann, ist vermutlich unbegründet, denn bislang wurde noch kein solcher Fall in der Literatur vermerkt.
Eine Zwangsstörung ist keine Frage des Alters. Bereits im Kindsalter kann eine Zwangsstörung entwickelt werden, und bis ins hohe Alter können diese – auch erstmals – auftreten. 65 Prozent aller Zwangsstörungen treten jedoch erstmals zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr auf.